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Wie Sylt gegen illegale Ferienwohnungen vorgeht- DLF berichtet

Die Sommersaison 2024 wird auf Sylt eine ganz besondere sein. Zum ersten Mal steht nicht mehr jede Ferienwohnung zur Verfügung, denn die Kreisbaubehörde hat bereits einige stillgelegt. Die negativen Folgen eines ausufernden Tourismus auf Deutschlands beliebtester Ferieninsel sollen künftig begrenzt werden. Deutschlandfunk-Korrespondent Jörn Schaar hat zum Start in die Urlaubssaison auf der Insel umgehört und auch mit Merret-Gründerin Birte Wieda gesprochen. Seine Radioreportage ist hier dokumentiert.

Bürgerbeteiligung Sylt

Dünenpark List- viele leere Versprechungen zeichnen sich ab

𝗘𝗶𝗻 𝗠𝗮𝗻𝗻, 𝗲𝗶𝗻 𝗪𝗼𝗿𝘁! 𝗟𝗶𝘀𝘁. 𝗪𝗮𝘀 Dünenpark Baulöwe 𝗠𝗮𝗿𝗰 𝗪𝗲𝗶𝗻𝘀𝘁𝗼𝗰𝗸 𝘃𝗲𝗿𝘀𝗽𝗿𝗼𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗵𝗮𝘁𝗨𝗻𝗱 𝘄𝗮𝘀 𝗱𝗮𝘃𝗼𝗻 𝗵𝗲𝘂𝘁𝗲 𝗻𝗼𝗰𝗵 übrig 𝗶𝘀𝘁.

Für die Sylter Bevölkerung sollte in List so richtig viel rausspringen. Schwimmbad, Kita, Aula, Sportplatz. Doch die Schwimmhalle kommt schon mal nicht. Und falls die Kita für Lister Kinder tatsächlich gebaut wird, dann erst Jahre später. Die Aula? Der Sportplatz? Davon ist schon gar nicht mehr die Rede. Die Mieten für die Dauerwohnungen ohne Wohnberechtigungsschein? Werden schon vor dem Erstbezug um ein Drittel erhöht. Nicht mehr 10,50 € pro Quadratmeter sollen sie kosten, sondern 13,50 €.

Was die extra geplanten Mitarbeiterwohnungen betrifft, da wurde die fest vereinbarte Obergrenze von 10,50 € inzwischen aufgegeben. Sie fällt ganz weg. Sylter Firmen müssen für ihre Mitarbeiter nun doppelt so viel zahlen wie vorher versprochen. Netto kalt werden diese Wohnungen nun auf einmal für 20 € pro Quadratmeter angeboten, schreibt die Sylter Rundschau – Nachrichten für die Insel Sylt. Außerdem soll das Kontingent dieser teuren Wohnungen aufgestockt werden. Ihr Anteil steigt von 25% auf 33%. Von den günstigen Wohnungen wird es also weniger geben.

Ja, es gibt Probleme in List, wofür der Projektentwickler, die Big-Bau Projekt- und Stadtentwicklung, nichts kann. Die Inflation. Der Baukostenindex. Die Zinsentwicklung. Der Personalmangel… Es gibt nachvollziehbare Gründe, warum das Wohnen im Dünenpark in List mit seinen rund 270 Dauerwohneinheiten nun teurer werden muss als zugesagt.

Das sind bittere Zwangslagen, und sie haben auf Sylt leider eine lange Tradition. Alteingesessene Insulaner erinnern sich an die Keitumer Therme, das Dorfhotel in Rantum, das klotzige Arosa…

„Ein Mann, ein Wort“, so hat sich Marc Weinstock von der BIG BAU in List den Syltern verkauft. Zum Spatenstich an einem herrlichen Sommertag im August 2021 erweckte er den Eindruck einer Garantie für Mieten, Schwimmhalle, Kita, abgesichert durch einen städtebaulichen Vertrag, der zur Einhaltung verpflichtet. Doch dieser Vertrag wurde in der Zwischenzeit bereits achtmal (!) geändert, ohne dass die Öffentlichkeit davon etwas mitbekommen hätte. Vertrag ist Vertrag? Nicht in List.

Jedes Mal hat Lists Gemeindevertretung zugestimmt und geriet gleichzeitig immer stärker unter Druck und Zugzwang, um keine Ruine zu produzieren. Zähneknirschend stimmte auch Lists SPD-Chef Olaf Klodt der neuesten Vertragsänderung mit den heftigen Preiserhöhungen zu und ließ danach verlauten: „Ohne Mieterhöhung besteht die Gefahr, dass gar kein Dauerwohnraum entsteht.“ Das heißt übersetzt: die Probleme im #dünenpark sind viel größer als der Bevölkerung bekannt.

Kraftlos und hilflos wirkte bereits im Februar Lists Bürgermeister Benck (CDU), als er eingestehen musste, dass die vollmundigen Versprechungen einer Schwimmbad-Sanierung wohl ein Luftschloss bleiben müssen. Denn die Gemeindekasse sei leer. Der vereinbarte Eigenanteil von 2,3 Millionen sei nicht zu stemmen. „Wo soll das Geld herkommen?“, fragte er treuherzig. Und man möchte zurückfragen: „Eigenanteil? Wieso Eigenanteil? Wo kommt der den plötzlich her?“ Davon war zum Start des Projekts nie die Rede gewesen.

Es sind diese merkwürdigen Ungereimtheiten, die das Vertrauen in die Väter des Dünenparks erschüttern. Was die Personalwohnungen betrifft, hatte Marc Weinstock in der Einwohnerversammlung noch vor Baustart verkündet: „Entgegen anderslautenden Gerüchten haben wir noch kein Haus an Jürgen Gosch verkauft und keins an Sven Paulsen. Die Häuser sind alle bei uns.“

Inzwischen gehört aber eine der „Fünf Schwestern“ bereits der Sylter Firma Höft Bau. Es ist das einzige Haus, das fertig und bereits bezogen ist, und es ist auch das, dessen Einweihung am 24. April 24 groß gefeiert werden soll.

Allen Unkenrufen zum Trotz darf man wohl davon ausgehen, dass das „Dorf im Dorf“ fertig und in Betrieb gehen wird. Zu welchen Konditionen steht auf einem anderen Blatt.

Was die Seitenhiebe gegen „Merret reicht’s“ angeht, hat sich Marc Weinstock nie zurückgehalten. Beim Spatenstich wurde das besonders deutlich. 10,50 Euro Miete seien vertraglich festgelegt, so Weinstock. „Und dann kommt immer ‚Merret reicht’s‘ und sagt: „𝘜𝘯𝘥 𝘦𝘪𝘯 𝘑𝘢𝘩𝘳 𝘴𝘱ä𝘵𝘦𝘳 𝘦𝘳𝘩ö𝘩𝘵 𝘪𝘩𝘳 𝘢𝘶𝘧 17 𝘌𝘶𝘳𝘰.“ Und nein! Wir haben einen städtebaulichen Vertrag.“

Pustekuchen. Nun sind es sogar 20 Euro. Ein Mann, ein Wort!

„Zurück in die Zukunft“ -mit Bürgerrat & Ruhe soll´s voran gehen

(Pressse-)Mitteilung an den Wirtschaftsminister SH, Claus-Ruhe Madsen, anlässlich seines Syltbesuches Mitte April 2024:

 

Foto FB
v.l.: Anke Tadsen (Amrum), Silke v Bremen, Minister Claus-Ruhe Madsen, Birte Wieda

Lösungen für Sylt sind Lösungen für Schleswig Holstein
wenn verlorener Wohnraum plötzlich wieder zu haben ist, bekommt der Lebensraum eine neue Chance 

Ausgangssituation:  Sylt hat kein kleines Zipperlein, sondern steckt bis zum Hals in einer Funktionskrise. Oder, um im Bild zu bleiben: Sylt leidet an einer fortschreitenden Erkrankung: dem Übertourismus. Das ist – wie beim Weltklima – keine Propaganda, sondern Fakt und bringt eine ganze Reihe negativer Folgen und Herausforderungen für die Inselbewohner*innen mit sich.

Fakten: Offiziell sieben Millionen Übernachtungen bei 18 000 Einwohnern, ergibt für Sylt einen Bettenindex (388), der neunmal höher ist als auf Mallorca(49), viermal höher als auf Rügen(100).  Das alles bei einer sechsunddreißig und zehnmal kleineren Inselgröße.  

Die Sylter Bevölkerung hat seit 2011 kein nennenswertes Wachstum zu verzeichnen und das bei einem um 15% gesteigerten Wachstum im Bausektor. Die Zusammenhänge zwischen den Problemen Wohnraum- und Fachkräftemangel, Überlastung der Infrastruktur, kulturelle Verödung und touristische Übernutzung sind mittlerweile in großen Teilen der Bevölkerung und der Tourismuswirtschaft angekommen.

Auf der Seite der Lösungsansätze sind Begriffe wie ökologische, ökonomische und soziale Tragfähigkeit, Tourismusakzeptanz und Partizipation keine Fremdwörter mehr. Eine übergreifende Sichtweise, sowie ein tieferes Verständnis für die gegenseitige Abhängigkeit der Problemkreise, hält auf Landesebene langsam aber stetig Einzug ins politische Handeln. All diese Inhalte haben Berücksichtigung in der Tourismusstrategie SH 2030 gefunden. Die „Versylterung“ oder auch „ Syltrifizierung“ diente leider für dieses langsame Umdenken und Handeln allzu oft als mahnendes Negativbeispiel.  

Der baurechtliche Aspekt jedoch, der die Übernutzung der Insel erst möglich gemacht hat, ist erst seit kurzem durch die Kontrollen des Kreisbauamtes Nordfriesland an die Öffentlichkeit gekommen und fördert das Ausmaß einer Tragödie zu Tage.

Mangelndes politisches Bewusstsein für die Bauleitplanung zur Schaffung von Nutzungsrechten und eine dadurch bedingte, jahrzehntelange Nichtkommunikation in die Bevölkerung, sowie die extreme Ausnutzung der Duldung von baurechtlichen Vergehen, haben zu vermutlich mindestens 30 Prozent ungenehmigten Feriendomizilen auf Sylt geführt. Diese sind von Rechts wegen nicht länger touristisch nutzbar.

Angesichts der über viele Jahre komplizierter gewordenen, baurechtlichen Lage gibt es keine einfachen Lösungen mehr für die entstandene Situation. Dies gilt womöglich nicht nur für Sylt, sondern auch für andere Tourismusdestinationen im Norden.

Dieses große, kommunalpolitische Planungsversäumnis löst nun eine weitere  Krise aus:
Kleinexistenzen, Renditeinvestitionen aber auch große Geschäftsmodelle kommen ins Wanken. Sprengstoff für eine Gesellschaft.

Herausforderungen für die Politik: Tourismuspolitik muss kommunale Bauleitplanung mitdenken. Eine politische Rettungsstrategie muss her, auch wenn sie komplex ist und die Uhr auf kurz vor zwölf steht.

Um Sylt in eine gute Zukunft zu führen, brauchen wir Dialog für einen insularen Schulterschluss und die Unterstützung der Landespolitik.                                                                                                                  Um den Tourismus in eine gute Zukunft zu führen, braucht es die Definition und Anerkennung einer touristischen Tragfähigkeitsgrenze in den Natur- und Lebensräumen, die durch Bauleitplanung abgesichert werden muss. 

Dialogwerkstatt – „Insularer Bürgerrat 2025“ 

Handlungsfeld 1: Für ein ernsthaftes Bemühen um nachhaltige Entwicklung auf ökonomischer, ökologischer und sozialer Ebene hat sich für Sylt plötzlich wieder ein Zeitfenster geöffnet.
Das Bürgernetzwerk möchte in dieser gesellschaftlichen Krisensituation, die sich durch Ratlosigkeit hohes Konfliktpotenzial und niedrigen Wissensstand um den Sachverhalt auszeichnet, einen Beitrag zur breiten,  politischen Meinungsbildung leisten. Wir glauben, dass eine gute Beteiligung und aktive Bürgerschaft die gesellschaftliche Entwicklung auf Sylt verbessert. Dazu möchten wir mit dem „nexus – Institut“ einen „ insularen Bürgerrat 2025“ durchführen.

Wunsch: Unterstützung des Ministers durch seine Unterschrift unter das offizielle  Anschreiben an die zufällig ausgelosten Ratsteilnehmenden. Dies würde dem Dialogprojekt einen offiziellen und wertschätzenden Rahmen geben. Zudem wäre es auch ein Engagement für die Inhalte von Handlungsfeld 9 der Tourismusstrategie SH 2030: „Tourismusbewußtsein- und Akzeptanz“. 

Evaluation und Begleitung – „Auf neuen Wegen“

Handlungsfeld 2: Mit unserem Wunsch nach einem Bürger-Dialogprozesse aber auch zur Entwicklung und Anwendung eines Tragfähigkeitskonzeptes für Sylt stoßen wir bei Dozent*innen der FH Westküste in Heide auf offene Ohren. Wir streben eine Zusammenarbeit an.

Wunsch:  Wir würden uns über Hinweise aus dem Ministerium auf mögliche finanzielle Unterstützung dieser Zusammenarbeit freuen.

Handlungsfeld 3: Wir begrüßen die Einrichtung des Kompetenzteams TA:SH zur Umsetzung der Tourismusstrategie SH 2030, da Marketing und Meinungsumfragen in Zukunft vor Ort nicht mehr ausreichen. Es braucht eine Hinwendung zu den Leistungsträgern der Tourismuswirtschaft – der bisher vernachlässigten Stakeholdergruppe: den Einwohner*innen der Destination. Kommunikations- und Partizipationskonzepte werden in Zukunft wichtig sein und sollten geübt, optimiert und implementiert werden.  

Wunsch: Eine Einbindung des Kompetenzteams zur Unterstützung und Stärkung des Handlungsfeldes 9 der Tourismusstrategie SH in das Projekt „Bürgerforum Sylt 2025“.

Tourismus braucht Bauleitplanung für „Destinationsmanagement“

Handlungsfeld 4: Wir sehen in der Krise eine deutliche Chance: Über Jahre hinweg zweckentfremdeter oder verlorener Wohnraum kann aus dem Bestand zurückgewonnen werden. Dazu müssen die Sylter Gemeinden nun alle planungsrechtlichen Werkzeuge im Sinne der sozialen Tragfähigkeit und des Klimaschutzes in den Bebauungsplänen anwenden. 

Wunsch: Es braucht von Seiten des Landes juristische und fachliche Unterstützung um den Altbestand, der vor Änderung der Baunutzungsverordnung im Jahre 2017 genehmigt wurde, zu bewahren. Es gilt für tausendfach, durch Umbau oder Feriennutzung verwirkte Ursprungsgenehmigungen und den dadurch drohenden Abriss, eine Lösung zu finden. Dies gebietet sowohl die Wirtschaftlichkeit als auch die Nachhaltigkeit.

Es braucht von Seiten des Landes eine Kampagne zu mehr Bewusstsein in der Kommunalpolitik für ein umfassendes Destinationsmanagement.

Perspektivwechsel – „die Zeit ist reif“

Handlungsfeld 5: Unsere Hoffnung auf Lösungen kann nicht mehr allein bei Politik liegen, die sich oft auf Druck wirtschaftlicher Verbänden ausgerichtet hat. Die Denkweise, die uns in diese Krise hineingeführt hat, gibt keinen Anlass zur glauben, dass sie uns aus dieser auch wieder herausführt. An den Verhandlungstisch gehören nun auch Sozialverbände, Naturschutz, Kirche und  Gemeinwohninitiativen! Es geht darum, für SH eine ökologisch- und sozialverträgliche Strategie zur Destinationsentwicklung mit neuen Parametern und Werten für „touristischen Erfolg“ zu erarbeiten. Dieser sollte dringend unter der Berücksichtigung aller gesellschaftlichen und nicht nur wirtschaftlichen Belange stattzufinden.

Wunsch: Wir möchten an dieser Zukunft mitwirken.

Handlungsfeld 6: Eine städtebauliche Rahmenplanung für alle touristischen Gemeinden ist eine Notwendigkeit. Seit der Veröffentlichung zeigt sich, dass das Beherbergungskonzept der Gemeinde Sylt in seiner statistischen und beratenden Aussagekraft und als städtebauliches Entwicklungskonzept vorbildlich ist. Im Austausch darüber mit vielen Kommunen und Initiativen möchten wir den Minister anregen, dies dringend für Tourismusdestinationen in SH einzuführen. Ein Beherbergungskonzept nach dem Sylter Beispiel könnte jeder touristischen Gemeinde Auskunft über den Stand ihres Gleichgewichtes geben. Es hat großes Potenzial, die Grundlage für eine   konzeptionellere Lebensraum- bzw. Destinationsentwicklung  in SH zu liefern, als wir es derzeit erleben.  

Wunsch: Viele der kleinen Gemeinden brauchen finanzielle Unterstützung durch das Land SH für Studien, Gutachten und Evaluation: -Beherbergungskonzept, Wohnraumentwicklungskonzept für Lebensraumpolitik. ( Beispiel: Innenministerium hat ein Konzept für Innenstadtentwickelt aufgelegt  „begleitete Förderung und Evaluation“)                                                                          

Handlungsfeld 7: Es ist anzunehmen, dass die katastrophale, baurechtliche Situation der Sylter Feriennutzung bei weitem kein Einzelfall, sondern beispielhaft und symptomatisch für ehrenamtliche und damit nicht immer professionelle Kommunalpolitik ist. Bei den hohen, tourismuswirtschaftlichen Ambitionen des Landes braucht dieser Sachverhalt eine landespolitische Aufarbeitung im Landtag. 

Wunsch: Bei den vielen bestehenden Bildungsangeboten ist eine niedrigschwellige Schulung für Kommunalpolitiker über die Grundlagen der Bauleitplanung sehr wichtig.

 Handlungsfeld 8: Ein wirkungsvolles Zweckentfremdungsgesetz/Wohnraumschutzgesetz könnte sofort auf den Weg gebracht werden. Die Verwaltung vor Ort muss mit einem solchen Gesetz befähigt sein, die Umsetzung der darin festgelegten Schutzmaßnahmen für Dauerwohnraum auch selbst zu kontrollieren und ggf. mit Ordnungsgeldern zu sanktionieren. Der Dauerwohnraum im Bestand muss aus der Zweitwohnungsnutzung zurückgewonnen und umfänglich geschützt werden können.  Viele Bundesländer haben schon lange reagiert. In unserer Nachbarschaft hat Hamburg ein Wohnraumschutzgesetz, Niedersachsen sein Zweckentfremdungsgesetz verabschiedet. (Zuletzt gewann Berlin 30 000 Wohnungen durch seine neue Gesetzgebung für den Wohnungsmarkt zurück). Entstehende Zweitwohnsitze verbrauchen große Energiemengen für nur zeitweise genutzten Wohnraum.

Zitat:Mit einem „Neuen Sylter Weg“ kann das Land einen Perspektivwechsel im heimischen Tourismus vollziehen.“  
Birte Wieda –  Bürgernetzwerk  „Merret reicht´s – Aus Liebe zu Sylt“                   

Ein besseres Sylt für Alle! SR-Interview mit Birte Wieda

Am 21. März 2024 erschien als Reaktion auf einen Artikel in „Der Spiegel“ in der Sylter Rundschau  ein Interview mit Birte Wieda. Der Platz in der Zeitung reichte nicht aus für einen vollständigen Abdruck.

Für die Dokumentation hier noch einmal das komplette Interview, das Barbara Glosemeyer geführt hat.

𝗟𝗮𝘂𝘁 𝗦𝗣𝗜𝗘𝗚𝗘𝗟 𝗵𝗮𝗯𝗲𝗻 𝗦𝗶𝗲 𝗴𝗲𝘀𝗮𝗴𝘁, 𝗱𝗮𝘀𝘀 𝗦𝗶𝗲 𝗵𝗮𝗱𝗲𝗿𝗻, 𝘄𝗲𝗶𝗹 𝗦𝗶𝗲 𝘃𝗶𝗲𝗹𝗲 𝗕𝗲𝘁𝗿𝗼𝗳𝗳𝗲𝗻𝗲 𝗮𝘂𝗰𝗵 𝗽𝗲𝗿𝘀ö𝗻𝗹𝗶𝗰𝗵 𝗸𝗲𝗻𝗻𝗲𝗻. 𝗜𝘀𝘁 𝗱𝗮𝘀 𝘀𝗼?
Ja. Und die Auswirkungen sind zum Teil sehr bitter. Aber viele haben durh die absurde Immobilienpreisentwicklung eben auch schon die Insel verlassen. Wir wussten alle, das das mal ein Ende haben muss. Die jetzige Problemlage ist ja nicht neu. Sie ist dadurch zugespitzt, dass nötige Planungsanpassungen in der lokalen Politik nie die nötige Mehrheit gefunden haben. Das hat alles immer komplizierter und nachteiliger für alle jetzt Betroffenen gemacht.

Die Bau- und Städteplanung wurde in der Politik nie mit dem ausreichenden Ernst behandelt und damit auch nicht in die Bevölkerung kommuniziert, das habe ich in meiner Legislaturperioden Bauausschuss Sylt Ost schon Ende der 90 er Jahre merken müssen. Ort- und Kreisverwaltung haben immer wieder informiert und gemahnt. Anders ist das jetzt für jeden sichtbare Ausmaß auch nicht zu erklären!

𝗦𝗲𝗵𝗲𝗻 𝗦𝗶𝗲 𝗶𝗻 𝗱𝗲𝗿 𝗙𝗼𝗿𝗱𝗲𝗿𝘂𝗻𝗴 𝗱𝗲s Verein Sylter Unternehmer 𝗻𝗮𝗰𝗵 𝗺𝗲𝗵𝗿 𝗭𝗲𝗶𝘁 𝘂𝗻𝗱 𝗔𝘂𝗴𝗲𝗻𝗺𝗮ß 𝘂𝗻𝗱 𝗱𝗲𝗺 𝗘𝗶𝗻𝗹𝗲𝗻𝗸𝗲𝗻 𝗱𝗲𝘀 𝗞𝗿𝗲𝗶𝘀𝗲𝘀 𝗲𝗶𝗻𝗲𝗻 𝗿𝗶𝗰𝗵𝘁𝗶𝗴𝗲𝗻 𝗦𝗰𝗵𝗿𝗶𝘁𝘁, 𝗱𝗲𝗻 𝗦𝗶𝗲 𝘂𝗻𝘁𝗲𝗿𝘀𝘁ü𝘁𝘇𝗲𝗻 𝗸ö𝗻𝗻𝗲𝗻?

Zeit für was? Es sind Aufgaben aus 20-40 Jahre versäumter Planungsarbeit nachzuholen! Da ist kein einziger Tag Zeit zu verlieren. Wir müssen jetzt aber als Mannschaft den Kurs des Schiffes neu bestimmen, weil den Kapitänen, die es in den Sturm gefahren haben, gerade nicht mehr viel zuzutrauen ist.
Das Augenmaß ist auf Sylt verloren gegangen. Der Kreis hat immer wieder Entgegenkommen signalisiert und abgewartet.
Wenn das jetzige Chaos nicht auch durch die Geduld der Behörde so groß geworden wäre, könnte man einfach „Danke“ sagen, denn es wurde in der Zeit sehr viel Geld verdient.

Für das bisherige Nichthandeln, ist auf jeden Fall keine Zeit mehr!

𝗗𝗶𝗲 𝗦𝘆𝗹𝘁𝗲𝗿 𝗨𝗻𝘁𝗲𝗿𝗻𝗲𝗵𝗺𝗲𝗿 𝘀𝗮𝗴𝗲𝗻, 𝗱𝗮𝘀𝘀 𝗲𝘀 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗳𝘂𝗻𝗸𝘁𝗶𝗼𝗻𝗶𝗲𝗿𝗲𝗻 𝘄𝗶𝗿𝗱, 𝗱𝗮𝘀𝘀 𝗮𝘂𝘀 𝘀𝘁𝗶𝗹𝗹𝗴𝗲𝗹𝗲𝗴𝘁𝗲𝗻 𝗙𝗲𝗿𝗶𝗲𝗻𝘄𝗼𝗵𝗻𝘂𝗻𝗴𝗲𝗻 𝗗𝗮𝘂𝗲𝗿𝘄𝗼𝗵𝗻𝘂𝗻𝗴𝗲𝗻 𝗳ü𝗿 𝗦𝘆𝗹𝘁𝗲𝗿 𝘄𝗲𝗿𝗱𝗲𝗻. 𝗪𝗶𝗲 𝘀𝗲𝗵𝗲𝗻 𝗦𝗶𝗲 𝗱𝗮𝘀?

Wir verstehen im Bürgernetzwerk den Pessimismus nicht und finde ihn der Situation auch nicht zuträglich. Erstens kann die Kommunalpolitik planungsrechtlich mit Satzungen in Bebauungsplänen gegensteuern, damit die Wohnungen nicht im Zweitwohnungmarkt verloren gehen….. aber bitte schnell.
Zweitens sollte die Landesregierung die Insel unterstützen, indem das in Schleswig-Holstein fehlende Zweckentfremdungsgesetz/Wohnraumschutzgesetz schleunigst auf den Weg gebracht wird. Das würde ebenfalls den befürchteten Verlust in den Zweitwohnungsmarkt verhindern.
Auch da sollte man keine Zeit verlieren und im Schulterschluss nach Kiel gehen und es gemeinsam mit Nachdruck fordern. Schließlich steht es für 2024 sogar im Koalitionsvertrag.
Mehr Wohnraum, bezahlbarer Wohnraum, attraktiver Wohnraum werden die Chance der Sylter Wirtschaft beim Werben um Arbeitskräfte auf einem ohnehin umkämpften Markt erhöhen.
Das muss doch jedem einleuchten…. Wer wohnt und arbeitet nicht gern auf einer so schönen Insel?
Sylt 𝗵𝗮𝘁 𝗶𝗺 𝗷ü𝗻𝗴𝘀𝘁𝗲𝗻 𝗣𝗼𝘀𝘁 𝗮𝘂𝗳 𝗙𝗮𝗰𝗲𝗯𝗼𝗼𝗸 𝗱𝗶𝗲 𝗣𝗼𝗹𝗶𝘁𝗶𝗸 𝘃𝗲𝗿𝗮𝗻𝘁𝘄𝗼𝗿𝘁𝗹𝗶𝗰𝗵 𝗴𝗲𝗺𝗮𝗰𝗵𝘁 𝗳ü𝗿 𝗱𝗲𝗻 𝗪𝗶𝗹𝗱𝘄𝘂𝗰𝗵𝘀 𝗺𝗶𝘁 𝗙𝗲𝗿𝗶𝗲𝗻𝘄𝗼𝗵𝗻𝘂𝗻𝗴𝗲𝗻.
Die Bauministerin des Landes, Dr. Sabine Sütterlin-Waack, hat es ganz deutlich gesagt: Das Recht der Planungshoheit liegt ausschließlich bei der Kommune, diese wird vertreten durch das legitimierte Gemeindeparlament, die Politiker vor Ort. Dort werden die Regeln abgewogen und festgelegt oder eben auch nicht.
Nach diesen Regeln genehmigt dann die Behörde des Kreises.
Eine Behörde kann demnach nur so gut und richtig genehmigen, wie die Regeln deutlich und klar sind. Da hat es in der Vergangenheit aus oben genannten Versäumnissen viel Durcheinander gegeben. Der Kreis und auch die Verwaltung vor Ort haben das immer wieder angemerkt und angemahnt.
𝗚𝗲𝗻𝗲𝗵𝗺𝗶𝗴𝘂𝗻𝗴𝘀𝗯𝗲𝗵ö𝗿𝗱𝗲 𝗶𝘀𝘁 𝗮𝗯𝗲𝗿 𝗱𝗶𝗲 𝗕𝗮𝘂𝗮𝘂𝗳𝘀𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗱𝗲𝘀 𝗞𝗿𝗲𝗶𝘀𝗲𝘀, 𝗱𝗶𝗲 𝗝𝗮𝗵𝗿𝘇𝗲𝗵𝗻𝘁𝗲 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁𝘀 𝗴𝗲𝘁𝗮𝗻 𝗵𝗮𝘁, 𝘄𝗶𝗲 𝗕𝘂𝗿𝗸𝗵𝗮𝗿𝗱 𝗝𝗮𝗻𝘀𝗲𝗻 𝗶𝗺 𝗜𝗻𝘁𝗲𝗿𝘃𝗶𝗲𝘄 𝗺𝗶𝘁 𝗺𝗶𝗿 𝗲𝗶𝗻𝗴𝗲𝗿ä𝘂𝗺𝘁 𝗵𝗮𝘁.
Eine Genehmigungsbehörde kann nur genehmigen und kontrollieren, was hieb- und stichfest geregelt ist. Sonst folgen Gerichtsverfahren. Ferienwohnraum und Dauerwohnraum ist auf Sylt schlechter geregelt als jeder von uns es sich bisher vorstellen konnte. Das war der Politik schon lange bekannt, spätestens durch ein Wohnraumentwicklungskonzept und andere Gutachten.
Wer in der Kommune die Zukunft gestalten will, der erkennt das „Planungsrecht“ als eine „Planungspflicht“ an, um die man sich intensiv und immer wieder kümmern muss. Gerade und besonders, wenn der Druck auf die Gemeinde tourismuswirtschaftlich so groß ist wie auf Sylt. Das Beherbergungskonzept sagt deutlich, dass dies auf Sylt in der Vergangenheit nicht geschehen ist. Und rät zum sofortigen und systematischen Einsatz aller nur möglichen Planungswerkzeuge.
𝗪𝗲𝗿 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗲𝗻𝗻 𝗻𝘂𝗻 𝘀𝗰𝗵𝘂𝗹𝗱 𝗮𝗻 𝗱𝗲𝗿 𝗠𝗶𝘀𝗲𝗿𝗲, 𝘄𝗲𝗿 𝗵ä𝘁𝘁𝗲 𝘀𝗶𝗲 𝘃𝗲𝗿𝗵𝗶𝗻𝗱𝗲𝗿𝗻 𝗸ö𝗻𝗻𝗲𝗻?
Das System ist, wie es derzeit ist. Damit müssen wir jetzt alle dealen.
Es ist definitiv verbesserungsfähig. Es müssen andere Strukturen her, die solches Fehlverhalten und Versäumnisse wie wir sie jetzt beobachten – mit Folgen von derartigem Ausmaß über einen solch langen Zeitraum – gar nicht erst ermöglichen.
Nun zählt nur noch die Zukunft, in der die Politik ihre Planungshoheit konsequent nutzt und das Gleichgewicht zwischen Lebensraum und Urlaubsort sichert. Jeder Gemeindepolitiker hat sich hier auf das „Streben nach Gemeinwohl“ vereidigen lassen.
Landrat Lorenzen hat sich in der Sylter Rundschau vor mehr als zwei Jahren deutlich ausgedrückt: „Tourismus ist kein Selbstzweck, auch die Einwohnerinnen und Einwohner müssen sich wohlfühlen.“
Jeder einzelne Eigentümer oder Käufer von Grund und Boden muss seine Angelegenheiten prüfen oder in Ordnung bringen, dazu nützt eine Anfrage ans örtliche Bauamt.
Jede Bürgerin, jeder Bürger, muss von nun an im Blick behalten, was politisch passiert, damit ein „besseres Sylt“ für alle am Ende des Aufräumprozesses dabei herauskommt. Für uns und unsere Gäste.

Illegale Ferienvermietung – Blick nach vorn – Sylt erlebt eigene Zeitenwende

Ja. Spätestens jetzt ist man aufgewacht im Verein der Sylter Unternehmer, beim Dehoga, bei den großen Vermietagenturen, in der Kommunalpolitik, in den Banken, den Notariatskanzleien und Maklerbüros. Der Kreis Nordfriesland macht tatsächlich ernst und geht stringent gegen illegale Ferienvermietung vor. Es trifft fast alle. Auch die, die gar nicht vermieten, aber ihre Keller, Spitzböden, Gartenschuppen und Garagen ohne Genehmigung zu Wohnzwecken ausgebaut haben. Es tritt ein, was niemand ernsthaft erwartet hat: Das Wuchern kommt an sein Ende.

Die Konsequenzen sind bitter: Existenzen sind bedroht. Finanzierungen platzen. Investments stehen plötzlich infrage. Großprojekte müssen überdacht werden. 

Die Zahl der Betroffenen geht in die Tausende. Allein auf der Insel. Die Behörden legen jetzt schonungslos offen, wie eklatant geltendes Recht missachtet wurde, mit welcher Selbstverständlichkeit in eine Hausscheibe drei Ferienapartments gequetscht wurden, aus einem Wohnhaus im Handumdrehen ein Ferienhaus wurde. Aber nicht nur unsere Insel ist davon betroffen. Auch in Sankt Peter, auf den Nachbarinseln, in ganz Nordfriesland werden zum Entsetzen der Eigentümer und Eigentümerinnen Objekte stillgelegt. Das ist eine Zeitenwende. 

+++ Die Insel entmietet ihre Kinder +++

Jahrzehntelang haben die zuständigen Behörden die Verstöße gegen Recht und Gesetz zwar immer wieder angemahnt und dann doch lange geduldet, bis es einfach nicht mehr zu übersehen war: Die Insel entmietet ihre Kinder, ruiniert das soziale Gefüge, übersteigert den Tourismus und die Bauwirtschaft ins Groteske. 

Wer das nicht wahrhaben wollte, hat nicht richtig hingesehen. Schon lange ist das Verhältnis Dauerwohnung/Ferienwohnen in Schieflage. Nun gilt es aufzuarbeiten, warum die Gemeindevertretungen so viele, viele Jahre versäumt haben, aussagekräftige, gesetzeskonforme Bebauungspläne zu beschließen. Die Planungshoheit obliegt den Gemeinden. Dort werden und wurden die Entscheidungen gefällt. Im Zweifel offenbar immer für den weiteren Ausbau des Tourismus.

 

+++ Für die Einwohner und Einwohnerinnen zu wenig getan +++

Und so gibt es auf Sylt seit knapp fünfzehn Jahren offiziell kein Bevölkerungswachstum mehr. Die Insel verharrt bei rund 18.000 Einwohnern. Das ist insofern auffällig, weil im selben Zeitraum die Bautätigkeit auf der Insel geradezu explodierte. Auf der Insel wurde seit 2011 zweieinhalb Mal so viel gebaut wie im Rest von Nordfriesland und viereinhalb Mal so viel im übrigen Schleswig-Holstein*. Die Übernachtungszahlen überspringen mittlerweile die Rekordzahl von sieben Millionen im Jahr. Auf Sylt wurde extrem viel gebaut. Fast ausschließlich für den Tourismus. 

+++ Landesregierung sieht sich nicht in der Verantwortung +++

Nun macht der Kreis also ernst und ahndet offensichtliche Rechtsverstöße. Die Verantwortung für das, was jetzt passiert und was viele in ernsthafte Nöte bringt oder noch bringen wird, liegt jedoch nicht beim Kreis. Auf den zu schimpfen, ist unredlich. Der macht nur seinen Job. Das ist eine Täter-Opfer-Umkehr. Die Verantwortung liegt bei denen, die fehlerhaft genehmigt haben, bei denen, die wissentlich fehlgenutzt haben und bei denen, die das alles über Jahrzehnte gedeckt haben und bei der Politik, die so getan hat, als gelte die Rechtsprechung überall – nur nicht auf Sylt. 

Es hilft auch nicht, jetzt die Landesregierung in Kiel anzurufen, man möge von dort aus eingreifen…, wobei eigentlich? Die Rechtsbrüche zu dulden? Kein Wunder, dass die zuständigen Minister das Anliegen zurückweisen. 

So bitter es ist: diese Krise ist MADE ON SYLT. Und genau hier liegt auch die Lösung. 

Es macht keinen Sinn, sich noch weiter gegenseitig mit Schuldzuweisungen zu überziehen und kostbare Zeit zu verplempern. Diese Krise muss jetzt aktiv und kraftvoll gemanagt werden. So schmerzhaft und bitter es wird. In zehn Jahren wird Sylt anders aussehen. Das ist eine Chance. 

Vielleicht wird es wieder ein entspanntes, lebenswertes Sylt – ohne sommerlichen Verkehrsinfarkt, ohne aggressive und drangvolle Enge, ohne Gewinnmaximierung auf Teufel komm raus. Ein entspanntes Sylt, wo man wieder gerne hinziehen möchte mit Kind und Kegel, weil es tolle Schulen, Sportmöglichkeiten, moderne Wohnungen und erschwingliche Häuser gibt. Wo man gern ganzjährig bleiben möchte, weil es einfach schön ist auf einer Nordseeinsel zu leben. Wo es dann auch wieder junge Familien gibt, wo das Dorfleben zurückkehrt und man sich wieder auf sich selbst besinnt. Erste Pflänzchen wachsen schon. In der Strandstraße gab es viel Leerstand in den Geschäften, nun ist dort schräg gegenüber vom Hotel Stadt Hamburg „Sylt Keramik“ eingezogen. Man reibt sich die Augen. Sowas gab es hier jahrelang nicht. Und der Hansen-Hof schmückt die Friedrichstraße. Toll. Mehr davon.

Für die einen ist es eine Katastrophe, für die anderen eine Chance. Diejenigen Politiker, die ihre Wähler und Wählerinnen auch gerne mal als Gegner sehen, sollten sie als Partner mit ins Boot holen. 

Denn die meisten sind Betroffene in der neuen Situation. Ideen sind gefragt. Initiative ist gefragt. Dafür wurden das von Spezialisten moderierte Konzept der „Bürgerräte“ erfunden. Es geht nur gemeinsam.

*Quelle: Beherbergungskonzept 2022 (dann vor ziemlich genau einem Jahr einstimmig in der Gemeindevertretung beschlossen.)
Spiegel Nr 13 v 23.03.2024

Inselstolz in rauer See. Der Merret-Jahresrückblick 2023.

Liebe Sylterinnen, liebe Sylter, liebe Inselfans, liebe Gäste, liebe Merrets,

ein neues Jahr ist wie ein weißes Blatt Papier, das mit Geschichten von Glück, Erfolg und positiven Überraschungen beschrieben sein will. Aber selten begann ein neues Jahr auf Sylt so erschütternd wie dieses 2023, von dem wir uns nun verabschieden. Es startete mit einem Schock, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind. Die Insel verlor zum Jahresbeginn eines ihrer ältesten Häuser, den 200 Jahre Alten Gasthof in List. Eigentümer und Insulaner Andreas Kammholz riss das historische Gebäude ohne Genehmigung nieder, während Bürgermeister Benck hilflos daneben stand. Selten hatte man so viele empörte Insulaner auf einem Haufen gesehen. Fünfhundert Menschen nahmen an der Mahnwache teil, zu der Merret und andere Institutionen aufgerufen hatten. Bürgermeister Benck versprach, Andreas Kammholz würde dieser Frevel teuer zu stehen kommen, und er sicherte auch zu, der Alte Gasthof werde wieder aufgebaut. Zwölf Monate später kann man sagen: außer Spesen nichts gewesen. Kammholz baut dort unbeeindruckt und wie geplant seine Ferienwohnungen. Von den 500.000 Euro Strafe sind lediglich 30.000 übrig geblieben. Da greift die alte Sylt-Routine: Schwamm drüber! 

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In friesischer Trauertracht Ute Häßler, rechts Maren Jessen vom „Sölring Foriining“ 

„Schwamm drüber“ hieß es auch, als Sylt zum ersten Mal erleben musste, was der Rest der Republik nahezu täglich aushalten muss: die „Letzte Generation“ kam zu Besuch und brachte viel orange Farbe mit. Trotz abschmelzender Polkappen und steigendem Meeresspiegel hatte Sylt wenig Verständnis für die Aktivisten mit ihren Farbeimern. Die Bilder waren spektakulär und brachten der „Insel der Schönen und Reichen“ wieder bundesweit kostenlose, dennoch zweifelhafte Werbung. Begossene Privatjets, eine poppige Dior-Boutique, die zerstörte Bar vom Hotel Miramar, der ruinierte Rasen vom Golfplatz Budersand, die „Letzte Generation“ langte richtig hin (http://tinyurl.com/6j3fwbfr) Es war die bittere Konfrontation mit einer Realität, von der man auf Sylt in der Regel verschont bleibt. Dabei könnten sich die Aktivisten künftig die Anreise sparen und die Insulaner locker punkten, wenn sich noch viel mehr Sylter Betriebe nachhaltiger und umweltbewusster aufstellen würden und sich zum Beispiel für das Sylter Nachhaltigkeitssiegel qualifizieren. Wie das geht? Hier entlang. https://www.sylt.de/lebenswert Dann wäre die Insel in Deutschland tatsächlich wieder „ganz oben“ und könnte sein Versprechen, ein Naturwunder zu sein, auch nachhaltig einlösen. Wenningstedt hat es bereits vorgemacht und sich offiziell zu den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen bekannt. Vorbildlich. Und hoffentlich ist das mehr als nur Marketing!

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Überhaupt. Wenningstedt-Braderup verdient für 2023 definitiv eine besondere Erwähnung. Nicht nur wegen ihres tatendurstigen neuen Bürgermeisters Kai Müller. Die neu gewählte Gemeindevertretung verfolgt einen zukunftsweisenden Ansatz und bindet bei ihren Entscheidungen auf beispielhafte Weise die eigene Bevölkerung ein. Zwei Einwohnerversammlungen in Wenningstedt haben im August und im Oktober zahlreiche Ideen für die Zukunft der Sylter Gemeinde hervorgebracht. Die Bereiche Verkehr, Tourismus, Klimaschutz und Wohnraum werden mit Bürgerbeteiligung neu aufgestellt. Wenningstedt-Braderup ist auf Sylt ganz weit vorne. Daran kann man sich wirklich ein Beispiel nehmen. Da werden wir in 2024 noch einiges hören. Hoffentlich bleibt das Team mutig und stark. Schließlich hat es das „Projekt Hotel Windrose“ geerbt, das mittlerweile zum Symbol des Bürgerwiderstands geworden ist und das wie so viele Großprojekte die richtige Balance zwischen den Zielen der Investoren und der Gemeinde schaffen muss. 

Zurückgefallen, oder besser gesagt, noch weiter zurückgefallen ist in diesem Jahr wieder das Herz der Insel: das Nordseebad Westerland. Dort wird immer noch diskutiert. Wie schon 2022, 2021, 2020, 2019 und so weiter. Viele, viele Jahre. Innenstadt modernisieren? Verkehrsproblem lösen? Fahrradweg bauen? Vielleicht sollte man es mal wie Wenningstedt versuchen und die Bürger mit einbeziehen? Mit professionell begleiteten Bürgerbeteiligungsverfahren wäre das mal was anderes. Den Schwarzen Peter zwischen Verwaltung, ISTS, Politik und Sylter Unternehmern hin- und herschieben, funktioniert jedenfalls nicht. Das wussten die Sylter bereits, bevor das scheidende Jahr Fahrt aufnahm. Vielleicht 2024? Drücken wir die Daumen, dass die teilweise neu gewählten Gemeindevertreter mehr Druck machen, um die anvisierten Ziele auch zu erreichen.

Zu diesen Zielen gehört das Dauerthema Multipark. Das Projekt wurde verzögert und verschleppt, hoffentlich nicht, bis die Initiatoren selbst alt und zahnlos sind. Der Boden der Tatsachen ist hart. Der Multipark kommt und kommt nicht voran. Er ist zwar genehmigt, aber irgendwas ist ja bekanntlich immer. Die Boomer wollen ihn einfach nicht. Sie wollen ihre Ruhe. Und die Boomer – Jahrgang 64 und älter – sind und bleiben nun mal zahlenmäßig die meisten. Auch das ist Demokratie. 

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Das alles überstrahlende Thema 2023 war jedoch der einstimmige Beschluss der Gemeinde Sylt, das „Beherbergungskonzept“ umzusetzen (http://tinyurl.com/4u6vufxd). Diese Entscheidung ist definitiv etwas für die Geschichtsbücher. Kein Wunder, dass dieses Konzept auch auf dem Festland und im übrigen Bundesgebiet Karriere macht. Es war zur Analyse des besorgniserregenden Ist-Zustands längst überfällig. Damit haben die Sylter Kommunalpolitiker nun endlich ein funktionierendes Instrument in der Hand, um das Zupflastern der Insel mit Ferienapartments zu beenden. Und an dieser Stelle sei noch einmal ganz, ganz kurz zusammengefasst, was sich mit dem Beherbergungskonzept ändert: Es sind nicht mehr die Investoren, die entscheiden, was sie wo bauen wollen und das mit ihren Anwälten auch durchsetzen, sondern die Gemeinde Sylt dreht den Spieß jetzt um. Künftig entscheidet die Politik, was an welcher Stelle wie gebaut werden soll. Ob Dauerwohnen, Ferienwohnen oder Zweitwohnen. Um das auch so umsetzen zu können, müssen nun jedoch die Bebauungspläne geändert werden. Und das ist richtig Arbeit und kann länger dauern, denn auch im Rathaus herrscht Personalmangel. 

Apropos Personalmangel. Das ist ein weiteres Giga-Thema in 2023 auf Sylt. Natürlich nicht nur hier, sondern überall in der Republik. Doch hat die Insel im Wettbewerb um die besten Kräfte leider einige, zusätzliche und sehr gravierende Standortnachteile. Die Bahn funktioniert nicht. Nicht. Nicht. Nicht. Immer noch nicht. Man hat die Hoffnung längst aufgegeben. Wer, statt mit der Familie gemütlich beim Abendbrot zu sitzen, seit einer Stunde in Keitum im Regen steht und auf einen Zug wartet, der einfach nicht kommt, wird früher oder später eine gut bezahlte Stelle auf dem Festland annehmen. Denn die suchen dort auch händeringend Personal. Und wer schon mal für eine Wohnung auf Sylt unterm Dach für 19 Quadratmeter (Fußleistenmaß) mit undichtem Veluxfenster und fleckigem Veloursteppichboden 800 Euro Warmmiete bezahlt hat (in Hörnum!), wird auf Sylt nicht glücklich. Und wer jünger ist und auch gern mal ausgeht, wird sich fragen: Wohin eigentlich? Überall nur Silver Surfer und no Cringe Slayer. Nee, Sylt ist auch in 2023 nicht uptodater geworden.

Zu den wirklich guten Nachrichten in diesem Jahr gehört, dass neben der Kommunalpolitik, auch Bürgernetzwerke helfen können, bessere Politik zu machen.